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Wären Sie bitte so freundlich, Herr Welding?

Ich lerne zur Zeit für meine Philoprüfung und da kommt mir das amüsante „Haha, guck Dir den Scheiß mal an!“-Spiel rund um einen Text von Malte Welding gerade Recht. Viele haben schon dazu geschrieben, z.B. das kotzende Einhorn, Nadia Shehadeh und Antje Schrupp (edit: Noch mehr Mitspieler_innen gefunden: TheGurkenkaiser, Claudia Kilian, yetzt (hab noch Plätze frei ;-) ).

Da ich jedoch gerade in so einer sprachphilosophischen und erkenntnistheoretischen Philo-Blase drin hänge, halte ich mich einfach nur mit den fehlenden Ausrufungszeichen und Formulierungsfragen auf. Das ganze anhand der ersten beiden Sätze:

Sagt seltener “sexististische Kackscheiße”. Sagt seltener “rassistische Kackscheiße”.

Es scheint deutlich zu sein, dass in beiden Sätzen jeweils eine klare Aufforderung drin steckt. Bei Aufforderungen ziemen sich in der Regel Ausrufungszeichen, z.B. in „Mach das!“, „Lass das!“, „Tu was!“. Die Ausrufungszeichen scheinen einen „Call to action“ deutlich zu machen, welcher eben beinhaltet, dass eine oder mehrere Personen eine Handlung durchführen soll(en) (wozu ich auch Unterlassungsaufforderungen zählen würde).  Ebenso bestimmt das Ausrufungszeichen eine Form der Betonung die Aufregung, einen Befehl… irgendetwas in der Art, auf jeden Fall soll die Stimme eher hoch gehen.
Ein Punkt wiederum schließt eine Aussage ab.  Ein Punkt lässt keine Frage aufkommen und keine Aufforderung stehen. Ein Satz mit Punkt ist in sich geschlossen und lässt von der Struktur her keine Unschlüssigkeiten zu. Die Stimme geht runter, na, wie in der Grundschule gelernt.

Selbstverständlich ist je nach Satzzeichen zumindest im Deutschen auch der Aufbau der verwendeten Wörter verschieden. Dies ist jedoch bei Weldings Sätzen nicht der Fall, die Sätze könnten ohne grammatikalische Probleme ein Ausrufungszeichen bekommen. Warum also die Punkte?

Ich denke es handelt sich dabei um schlichte Vermessenheit/Selbstüberschätzuhng. Um dies jedoch möglichst vollständig zu belegen, möchte ich auf eine weitere sprachliche Besonderheit aufmerksam machen und zwar das fehlende Personalpronomen.  In Aussagen wie „Ich schreibe gerade einen Text.“ oder Fragen wie „Wären Sie bitte so freundlich?“ stecken Personalpronomen und ich neige dazu, dass die Personlpronomen bei solcherlei Sätzen seltener fehlen, als bei Aufforderungen. Das liegt daran, dass bei Aufforderungen häufig der_die Adressat_in klar ist, durch die implizite Form, welche deutlich macht,  welche Person(en) handeln soll(en). „Sagt ihr seltener…!“ wirkt halt irgendwie doppelt gemoppelt. Dieses „ihr“ jedoch ist durchaus relevant, insbesondere wenn’s um politische Arbeit geht. „Lasst uns…!“ sagt halt, dass eine_r Teil der Bewegung ist und nicht außerhalb steht – daher ist’s auch inhaltlich eine komplett andere Aussage. Welding jedoch wählte die Version, in der er nicht Teil der politischen Arbeit ist – und will trotzdem die Art und Weise der politischen Arbeit bestimmen.

Warum und wie er sich dieses Recht konstruiert, wird meines Erachtens eben auch durch die Wahl der Satzzeichen deutlich, denn er macht dadurch deutlich, dass der Chef (Geschlecht ist Absicht) gesprochen hat. Implizite Aufforderungen mit Punkt sind z.B. „Du räumst jetzt Dein Zimmer auf.“, „Wenn Du das essen willst, musst Du es Dir selber kaufen.“ oder „Das darfst Du nicht.“. In jedem Fall dieser impliziten Aufforderungen mit Punkt ist klar, dass die sprechende Person zumindest glaubt bestimmen zu dürfen und das nach dieser Aussage „natürlich“ gehandelt wird.

Weldings Punkte machen also deutlich, dass er glaubt bestimmen zu dürfen und nicht befehlen muss. Ein Befehl wäre genauso anmaßend, aufgrund der Wahl des impliziten Personalpronomens. Also, eigentlich endet die Kritik des Textes nach den ersten beiden Sätzen.

Warum jedoch glaubt Welding auf diese Art mitreden zu können? Was gibt ihm die Macht? Dass er weiß, vermutlich cis und männlich ist? Um das zu belegen, fehlt mir die Motivation. Also:

Wären Sie bitte so freundlich Ihre vermeintlich sexistische und rassistische Kackscheiße zu unterlassen, Herr Welding?  

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