Schlagwort-Archiv: unsere Gesellschaft

Warum Noten an der Uni ein Hohn sind

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: unsere Gesellschaft – Universität – Studium – Noten – Klassismus – Ableismus – Diskriminierung

Dieses Thema lässt sich auf vielfältige Weise in jede Richtung ausdehnen (Vielleicht sind Noten an der Schule auch scheiße? Diskriminierung gibt’s nicht nur an der Uni! Das trifft auch aufs Arbeitsleben zu, usw.), ich beschränke mich aber auf dieses, denn irgendwo muss ich anfangen.

Noten reflektieren deine Fähigkeit auf bestimmte Art von Prüfungsfragen zu einer bestimmten Uhrzeit auf eine bestimmte Art zu antworten, nachdem du dich in einem festgesetzten Zeitraum mit einer bestimmten Art von Ressourcen (von der Uni, dem Schicksal und der Gesellschaft im Allgemeinen bestimmt) auf die Prüfung vorbereitet hast.

Dabei soll bereits Schüler*innen nahegebracht werden, dass ihr Wert als Mensch an ihren Notenschnitt geknüpft ist. Und noch mehr: dass es tatsächlich eine realistische Repräsentation ihres Wissens und Könnens in einem bestimmten Fachgebiet darstellt. Back to uni.

Den Noten ist es egal, ob du dich aufgrund deiner Wohnsituation mit dem verbundenen Zeitaufwand ganz alleine um den Abwasch, einkaufen, saubermachen, Sachen stopfen, die Wäsche, das Treppenhaus, den Rasen oder Hof kümmern musst, ob du die Aufgaben teilst, sie gar nicht oder für mehrere Personen mit erledigst.

Den Noten ist es egal, ob du einen Rückzugsraum hast, der es dir ermöglicht, in Ruhe für die Uni zu arbeiten.

Den Noten ist es egal, ob du dir eine teure Wohnung in annehmbarer Distanz zur Uni leisten kannst oder mehrere Stunden mit Bus und Bahn pendelst. Ob du ein Auto hast oder deine Energie in den öffentlichen Verkehrsmitteln täglich dadurch gefressen wird, dass du introvertiert bist, Angststörungen hast, Geräusch- oder lichtempfindlich bist oder regelmäßig von Diskriminierung betroffen und deswegen Angst davor hast, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen und völlig geschafft in der Uni/zu Hause ankommst und zu keiner geistigen Arbeit mehr fähig bist.

Den Noten ist es egal, ob du dich um Freund*innen, Kinder, Eltern oder andere Menschen kümmerst. Ob du Zeit brauchst, sie durch den Tag zu begleiten, um mit Angst um sie oder eure gemeinsame Zukunft klarzukommen.

Den Noten ist es egal, ob du gar nicht vorkommst im gesellschaftlichen Verständnis deines Studiengangs. Ob du dich nicht wiederfindest in den Karrierepostern, auf denen weiße, (anscheinend) physiotypische junge Männer abgebildet sind. Ob du täglich mit den Botschaften zu kämpfen hast, dass Leute wie du das Thema eh nicht verstehen, langsam sind, alles falsch machen. Ob du persönlicher Diskriminierung durch Kommiliton*innen oder Professor*innen ausgesetzt bist.

Den Noten ist es egal, wo dein Geld herkommt. Ob du neben der Universität mehrere Stunden arbeiten musst, obwohl das Studium auf 40 Uni-Arbeitsstunden die Woche ausgelegt ist. Oder ob das Geld halt einfach da ist. Ob du Bafög beziehen kannst. Ob du Bafög zurückzahlen kannst, weil du tatsächlich eine Zukunft siehst. Ob du dich mit einem Bankdarlehen verschulden musst. Ob du überhaupt arbeitsfähig bist.

Den Noten ist es egal, ob deine körperliche Verfassung und dein finanzieller Haushalt es zulassen, alle Studienmaterialen zu erlangen, zu konsumieren und nach Notwendigkeit zu verändern und Arbeiten abzugeben. Ob du überhaupt einen Computer und Internet hast. Ob du zu einer Bibliothek gelangen und ihr Angebot nutzen kannst.

Den Noten ist es egal, wie viel Zeit du dafür aufbringen musst den Campus zu navigieren, weil du maximal zu einem zwangzigstel mitgedacht wurdest.

Den Noten ist es egal, ob du mit der Art wie die Informationen präsentiert werden, umgehen kannst. Ob dies deinem Lerntyp entspricht oder ihm völlig reingrätscht. Ob du mehr Praxis brauchst aber nur Theorie kriegst. Ob du mehr Theorie brauchst, aber nur Praxis kriegst. Ob du mehr Zeit brauchst, um alles zu verarbeiten, weil dein Tag nur 24 h hat.

Den Noten ist es egal, ob du den organisatorischen Anforderungen gewachsen bist. Ob du Hilfsangebote findest und sie dir zugänglich sind. Ob du Anträge drucken und sie inhaltlich verstehen kannst, um rechtzeitig alles auszufüllen.

Den Noten ist es egal, ob deine innere Uhr schon auf “wach” steht, wenn die Prüfung stattfindet. Ob du Prüfungsangst hast. Ob du mit der*m Prüfer*in befreundet bist oder Angst vor sim hast. Ob du die Materialien besitzt, die für die Prüfung zugelassen und notwendig sind. Ob du die Wahl hast auf “Fühlen Sie sich gesundheitlich in der Lage an dieser Prüfung teilzunehmen?” Nein zu antworten.

Den Noten ist all das und noch viel mehr völlig egal. Aber wenn man genau hinschaut, wird klar, inwiefern sie deinen Wert in dieser Gesellschaft repräsentieren sollen.

[Editiert für Klarheit und um Link einzufügen. 02.10.2012 Zweisatz]

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Adultismus – Wer sind die Bösen?

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Schlagwörter: Intersektionalität – Eltern – Kinder – Adultismus – unsere Gesellschaft – Familie

[Meine Lektüre: Erich Fromm (so lala), Arno Gruen (okay), Alice Miller (schon besser), Marshall Rosenberg (dazu komme ich später)]

Wenn Kinder sehr klein sind, sind sie abhängig von einer Bezugsperson/Bezugspersonen. Sie sind es in physischer Hinsicht, aber auch in emotionaler. Diese Bezugspersonen helfen ihnen idealerweise, ein Sinn für das eigene Ich zu entwickeln, dafür dass ihre Bedürfnisse zählen und wichtig sind und dass sie selbst liebenswert sind. Im Wortsinne: es wert, geliebt zu werden.
Mit zunehmendem Alter vollzieht sich eine Trennung von der Bezugsperson. Wenn die Beziehung funktioniert, ist die irgendwann vollständig: man steht sich als getrennte Personen gegenüber, die die Bedürfnisse der jeweils anderen anerkennen und für ihre eigenen eintreten.
Oft funktioniert es nicht.

Familie wird dennoch als der Nährboden für alles Gute dargestellt. “Blut ist dicker als Wasser” und all dieser Unsinn. Ich habe jedoch bewusst “Bezugsperson” und nichts von Eltern geschrieben, denn es besteht keine Notwendigkeit, dass dies (leibliche) Eltern oder ein Mann* und eine Frau* sein müssen. So weit mir bekannt ist, müssen es auch nicht zwei Personen sein oder nicht nur zwei. Was ein Kind aber braucht, ist, wie Alice Miller es nennt, ein*e Zeug*in. Eine Person (oder mehrere), die vermittelt, was ich im ersten Absatz beschrieb. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: das Leben mit leiblichen Eltern garantiert kein*e Zeug*in.

Warum die Einleitung?

Es gibt wenige Themen, die es einer*m so schwer machen können, den Durchblick zu erhalten. Weil die menschliche Psyche zu einem guten Teil daran glauben muss, dass die eigenen Eltern/Bezugspersonen gut waren. Das ist der Grund, warum einige Kinder nicht einfach davonlaufen, wenn sie 18 werden (also die meisten, meine ich), obwohl ihre Familie sie von außen betrachtet furchtbar behandelt haben. – Selbst diese Betrachtung von außen wird oft erschwert, weil man dran gewöhnt ist, “Schrulligkeiten” in einer Familie eher zu dulden, auch wenn sie zwischen Partner*innen als emotionale oder körperliche Misshandlung eingestuft würden. Unter anderem natürlich auch wegen Adultismus selbst: weil Kindern keine körperliche und seelische Autonomie zugestanden wird.
Was ich sagen will: Familie und besonders Eltern sind in unserer Gesellschaft stark mit Bedeutung aufgeladen, die der Gesundung von vielen Kindern, [edit]die Probleme haben[/edit], im Wege steht und auch die Betrachtung von Adultismus erschwert, weil schmerzhaft macht. (“Kinder” ist hier durchaus als “alle Personen mit Eltern/Bezugspersonen” gemeint – also auch Menschen weit über 18. Wenn ich von der Betroffenheit durch Adultismus schreibe, spreche ich aber nur von Personen bis 18.)

Heißt es immer Eltern vs. Kinder?

Jein. Auf der persönlichen Ebene haben Eltern¹ tatsächlich eine sehr wichtige Position, die ich oben erklärt habe: das emotionale Wohlbefinden der Kinder hängt von ihnen ab. Aber Adultismus² bezieht sich meinem Verständnis nach vor allem auf gesellschaftliche Strukturen, die Eltern z.B. moralisch in ihrer Machtposition bestärken. Damit meine ich konkret, Entscheidungen “für” statt mit ihren Kindern zu treffen, ihnen Vorschriften zu machen, ihren Lebensweg bis zur Vollendung des 18. Lebensjahr vorzuzeichnen.
Eltern haben gesellschaftliche Rückendeckung dabei, über das Leben einer anderen Person zu bestimmen.

Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass gesellschaftliche Strukturen stark bestimmen, inwiefern ein Kind anti-adultistisch behandelt werden kann.
Auch Eltern, die ihrem Kind auf Augenhöhe begegnen möchten, müssen der Schuldpflicht nachkommen, können ihre Kinder keine wichtigen Dokumente selbst unterzeichnen lassen, bevor sie volljährig sind, können ihre Kinder nicht wählen schicken usw.

Eine andere Frage ist die nach sich überschneidenden Diskriminierungen der Eltern. Wie wirkt sich das auf die Fähigkeit der Eltern aus, ihr Kind anti-adultistisch zu behandeln? Meiner Meinung nach: so gut wie nicht. Es ist korrekt, dass z.B. Alleinerziehende/Geringerverdiener*innen mit mehreren Jobs schlicht und ergreifend weniger Zeit mit den Kindern verbringen können und gerecht ist das nicht (aus einer gesellschaftlichen Perspektive). Es hat aber keinen Einfluss darauf, wie (sprich: auf welche Art, nicht wie oft) die Eltern mit dem Kind umgehen. Ob sie si:hn an Entscheidungen beteiligen oder ob sie über siren Kopf hinweg entscheiden.
Anklagen wie Rabenmutterschaft und all das fällt zu einem guten Teil unter Sexismus und nicht Adultismus. Oft für das Kind nicht erreichbar zu sein, macht noch keine adultistischen Eltern. Es kann die Eltern-Kind-Beziehung schädigen, aber hier wäre die Schuldigkeit tatsächlich nicht bei Adultismus zu suchen, sondern bei den klassistischen, rassistischen und ableistischen Strukturen unserer Gesellschaft, die den Eltern verwehren, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen.
Jedoch: Kinder werden oft als Anschaffung betrachtet. Man plant sie ins Leben ein und dann sind sie da und man freut sich. Weniger beachtet wird, ob sie etwas zum Freuen haben. Viel zu viele Eltern sind meiner Meinung nach emotional überhaupt nicht in der Lage, damit umzugehen. Kinder als Accessoir oder Haustier? Adultistisch.

Dadurch, dass ich Adultismus mit der Einleitung vermischt habe, habe ich die Themen ein wenig vermengt. Ich weiß nicht, ob es als adultistisch zählt Kinder aufgrund von äußeren Umständen z.B. zeitlich zu vernachlässigen. Dies ist ein Thema für ein andermal, wenn ich vielleicht mehr weiß.

Ich habe noch einige relevante Links durch/von takeover.beta, hoffe aber, die in einem der nächsten Artikel einfügen zu können.

1 …/Bezugspersonen” bitte ab hier dazudenken
2 Wobei zu beachten ist, dass das Konzept des Adultismus sich stark auf Weiße bezieht. Weiteres bei accalmie. (Warnung Adultismus)
3 Ich habe diese Autor*innen vor 2 bis 5 Jahren gelesen. Ich lese sie, bis auf Alice Miller, gar nicht mehr, aus Gründen.™ Sie stehen nicht da oben, weil ich sie empfehlen will (siehe Klammern), sondern weil ich mir, unter anderem anhand dieser Bücher, eine Meinung gebildet habe. Diese ist im Artikel nachzulesen. Ich kann aber nicht mehr sagen, welche*r Autor*in konkret welche Meinung beeinflusste, daher habe ich sie alle aufgelistet.

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[TW] You can stop r***: Schritt 5 – Überlebenden ist unbedingt zu glauben

Dieser Artikel ist Teil einer Serie, die ich vor längerer Zeit auf meinem Blog begonnen habe. Um die älteren Teile nachzulesen, könnt ihr dem Link unten zu Schritt 4 usw. folgen.

Crossposted auf High on Clichés

<< Schritt 4

Schritt 6 >>

Trigger-Warnung wie immer für die ganze Serie. Keine Beschreibung von Tathergängen. Links führen zu Beschreibungen von Überlebenden, dort also extra Vorsicht.

Schlagwörter:r*** culture – unsere Gesellschaft – Überlebende – Unterstützung

a hiding hedgehog
Quelle: Cutest Paw

Dieser Schritt ist wirklich zentral, weil er die Grundlage dafür schafft, dass Betroffene¹ wagen sich in irgendeiner Weise an Außenstehende zu wenden. Vielleicht steht am Ende eine Anzeige, aber das soll nicht DAS Ziel sein. Viel wichtiger ist es, dass sie sich an ihr Umfeld wenden können und ihnen geglaubt wird. Sie also Hoffnung darauf (und Recht damit) haben, Rückhalt und die notwendige Unterstützung zu erfahren.
Dem gegenüber steht nämlich eine ganz andere Realität: mit erschütternder Regelmäßigkeit verlieren Betroffene ihren Freund*innenkreis und/oder ihre gesamte Familie, wenn sie sich hilfesuchend anderen anvertrauen.

Leider bin ich mir nicht sicher, inwiefern das vermeidbar ist: wenn eine Person, die zu einer Vergewaltigung fähig ist, in einem Freund*innenkreis/einem Familienverband bis zum Zeitpunkt der Tat akzeptiert wurde, ist es sehr wahrscheinlich, dass ihr Verhalten entweder in irgendeiner Weise bekannt war, in jedem Falle aber toleriert wurde, denn Grenzüberschreitungen haben sicher schon vorher stattgefunden.
Ein Verband, der bereit ist zum Schaden der Opfer eine fehlende Treppenstufe lieber zu umgehen als sie zu reparieren, kann nur bis zu einem gewissen Grad fähig sein, der Realität ins Gesicht zu sehen. Denn die Tat anzuerkennen bedeutet auch anzuerkennen, dass man mit einem Vergewaltiger befreundet/verwandt ist (bzw. war).
Ja, es scheint absurd und ist völlig ungerecht, dass “Freund*innen” in solch einer Situation tatsächlich dazu fähig sein sollten, derart selbstsüchtig zu denken und handeln, aber die traurige Realität zeigt es wieder und wieder (siehe hierzu auch den vorhergehenden Teil der Serie).

Was geschieht nun aber bei bekannten Fällen, die medial verarbeitet werden? Ab-so-lu-te Scheiße.
Und an dieser Stelle möchte ich all denen, die sich Sorgen um potenzielle Vergewaltiger machen, ein Geheimnis verraten: es ist nicht “neutral” zu diskutieren, warum Anzeige erstattet wurde, ob der Tathergang so stimmen kann oder was die Betroffene sich davon “verspricht” (seriously? würdet ihr euch bitte irgendwo einbuddeln und nie wieder rauskommen?)
Dreimal tief durchatmen, sonst komme ich nicht zum Ende des Artikels.
Wir leben in einer rape culture (bitte nochmal zu Schritt 2 zurückblättern für eine nähere Erklärung). Überlebende haben nichts zu gewinnen und alles zu verlieren, wenn sie Anzeige erstatten oder sich überhaupt an irgendwen wenden. Es macht – keinen – Sinn aus welchen Motiven auch immer (außer weil man möchte, dass ein Straftäter verfolgt wird) eine Person des öffentlichen Lebens anzuzeigen. Es gibt keinen Ruhm dafür, nur ganz viel Hass. Siehe Assange, siehe Strauss-Kahn. – Ich verstehe bis zum heutigen Tag nicht, warum Medien und deren Konsument*innen der Meinung sind, solche Fälle überhaupt analysieren zu müssen. Sicher, es bringt steigende Auflagen. Wisst ihr, was es noch bringt? Einen riesigen Stempel mit “Arschloch” auf der Stirn, was mich angeht.

²Wenn ihr also das Richtige tun möchtet, dann glaubt ihr der Betroffenen³. Ihr tut damit niemandem weh. Ihr sollt nicht zum Vergewaltiger gehen und ihn* zusammenschlagen. Alles, was ich von euch verlange, ist es, eine der wenigen Personen zu sein, die ihr* glaubt und sich von ihm* distanziert. Glaubt mir, er* wird nicht alleine sein.
Klar, ihr könnt auch eine “neutrale dritte Person” sein. Aber a) bedeutet das, weder mit der Überlebenden noch mit dem Vergewaltiger was zu tun zu haben, was meiner Erfahrung nach so nicht geschieht und b) habt ihr eine Seite gewählt. Ja, so ist es. Ihr habt die Seite gewählt, die keine Wellen für den Vergewaltiger macht. Ihr habt gesagt: “Vergewaltigung? Ist mir egal.”

1 Ich ziehe “Betroffene” “Überlebenden” vor, obwohl an letzterem nichts falsch ist. Natürlich meine ich es nicht wie in “etwas macht eine*n betroffen” sondern “etwas betrifft eine*n”.
2 Wen es glücklich macht, darf sich “potenziell” vor “Betroffene” und “Vergewaltiger” denken.
3 Wieder gegendert aufgrund von Statistiken. Denkt euch halt ein generisches Femininum.

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Intelligenzija

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Schlagwörter: Klassismus – Intelligenz – Ableismus – unsere Gesellschaft – Ausschluss

Im Folgenden meine ich mit “Intelligenz” nur das, was man mit IQ-Tests ermitteln möchte/die Gesellschaft als “intelligent” akzeptiert.

In meinen Kommentarregeln [auf High on Clichés] steht, dass ich weder “Idiot” noch “dumm” auf dieser Seite lesen möchte. Schon seid einiger Zeit verkneife ich mir diese Worte sowie “blöd” und auch “bescheuert”, obwohl ich über letzterem immer noch grübele. Für viele Gelegenheiten bleibt dann nicht mehr viel übrig, das ich sagen kann, aber das ist nun einmal ein gesellschaftliches Problem.

In mir zuckt es auch zusammen, wenn jemand sich ereifert, wie “dumm” doch ein*e andere*r sei, dies und jenes nicht zu verstehen.
Das transportiert: “Ich kann nicht fassen, dass es Menschen gibt, die nicht exakt die gleichen Dinge gelernt und erlebt haben wie ich.”, immer verbunden mit dem Glauben, dass die anderen deswegen zwangsläufig weniger wissen müssen.

Wissen wird in einer Hierarchie geordnet. An der Spitze steht das, was man für einen Intelligenztest benötigt, um Politik oder (westliche, männliche, heterosexuelle, weiße) Geschichte erklären zu können. Je weiter sich das Wissen vom Notwendigen des westlichen weißen erwachsenen verpartnerten Mannes entfernt, desto unwichtiger wird es. Popkulturelles Wissen wird von der “Elite” verächtlich betrachtet, es sei denn, es handelt sich nicht um Popkultur, sondern “Kunst”. Welche Werke den Schritt von Popkultur zu Kunst vollzogen haben, wird dabei wiederum von Eliten bestimmt.
Wissen, das abseits von Sternekocherei für die Aufrechterhaltung des Haushaltes benötigt wird, ist ebenso unwichtig. Sich schminken zu können, ist “keine Kunst”. Youtuberinnen*, die Makeup- oder Haushaltstips geben, müssen sich regelmäßig anhören, wie “nutzlos” das sei. So viel zur Hierarchie von Wissen.

Dann gibt es noch den anderen Aspekt: Wissen scheint tatsächlich als quantifiziert wahrgenommen zu werden; es gibt Leute die “viel” wissen und welche die “(zu) wenig” wissen, allgemein als “dumm” bezeichnet. Wie an dieser Stelle sicher schon klar ist, muss man, um “viel” zu wissen viel vom Richtigen wissen. Landwirtschaftliche Geräte und wie man sie am effektivsten nutzt bis ins kleinste Detail zu verstehen ist nicht gefragt, noch die Produktunterschiede verschiedener Kosmetikmarken ausführlich auflisten zu können. Hier schlägt die Hierarchie wieder zu.
Zwangsläufig kommt es zu einer Abwertung von Menschen, die nicht weiß, akademisch, männlich, … sind. Denn egal wie viel sie von dem, was sie für ihre Lebensrealität brauchen, wissen, es wird immer das Falsche sein. Sie mögen wesentlich mehr wissen, weil ihnen – über das “Richtige” hinaus – noch das bekannt ist, womit sie ihre tägliche Arbeit bestreiten, aber das zählt nicht.
Gleichzeitig wird ihre “Dummheit” dazu herangezogen, Forderung nach mehr Anerkennung, gerechter Behandlung als nicht legitim zu verwerfen und sie als Personengruppe schlicht herabzusetzen. Ihre Dummheit soll bedeuten, dass sie es “nicht besser verdient haben”. Dummheit als Grund für Strafe und Aberkennung der Menschlichkeit. (Hartz IV.)

Ein offensichtlichter Konsequenz hat das natürlich auch: Menschen, denen man anmerkt, dass sie einen niedrigeren IQ haben oder wo Menschen einfach glauben, dass das so sei, werden unmittelbar mit allen negativen Stereotypen belegt und sind entsprechenden Angriffen ausgesetzt. Ableismus und Klassismus ist Tür und Tor geöffnet (auch Speziezismus, wenn ich drüber nachdenke).

Die “Intelligenten” verfallen derweil in eine Hybris¹. Ja, alle, die ihr (wie ich) studiert oder studiert habt: wir sind nicht ausgenommen. Intelligenz und “gebildet sein” wird eine positive Bedeutung beigemessen. Dialektloses Sprechen hilft, feministische Schlagwörter verleihen einen Anschein der Kompetenz. Hier werden ganz aktiv Menschen ausgeschlossen oder gehen von selbst. Wer will aber zu denen gehören, die zu intelligent wären, um auf den Täter ‘reinzufallen?

Ich schrecke wahrscheinlich keine*n mehr auf, wenn ich darauf hinweise, dass all das Aufwerten der einen und Abwerten der anderen Absicht ist. Unser System funktioniert prächtig, wenn wir immer neue Gründe finden, Menschen ihre Menschlichkeit abzusprechen. Wie sollen wir sonst vor uns rechtfertigen, andere wie Dreck zu behandeln?

Edit: Wer Anmerkungen zu meinen Erwähnungen von IQ-Tests machen möchte, bitte zuvor diese Kommentare lesen.

1 Selbstüberschätzung

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IBB – Wir haben Integration hier

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Schlagwörter: Rassismus – Derailing – unsere Gesellschaft – Abwehrverhalten
Inhaltswarnung für die Links: Beschreibung von rassistischen Erfahrungen und verbaler Gewalt

Anlässlich dieses Artikels (via @Naekubi) möchte ich zwei Aussagen behandeln, die regelmäßig getroffen werden. Eine wird von Kwesi aufgegriffen

…und der Typ sagte mir, es gebe keinen Rassismus! Er relativierte und entwertete meine Meinung mit Verweis darauf, dass es in anderen Ländern wie den USA viel schlimmer sei.

Die andere ist im gesamten Artikel präsent: wenn du Weißen erklärst, dass ihre Aussage oder Handlung rassistisch war, bezeichnest du sie als Nazi, was schnell mal zu “die Nazi-Keule schwingen” wird.
Beides sind Argumente, die eine Auseinandersetzung mit der Thematik verhindern sollen. “Guck mal da drüben, die <rassistisches Stereotyp> ihre Frauen*/Kinder!”
WHO THE FUCK CARES?
Okay, I care wenn irgendwo Menschenrechte verletzt werden, aber diese Aussagen sind meist grobe Vereinfachungen oder gar völlige Falschinformationen. Sie dienen dazu Missstände in Deutschland im gleichen Atemzug wie sie sie anerkennen als unbedeutend erscheinen zu lassen. Ironischerweise geschieht das meist durch Menschen, die “die Rechte der Frauen*” oder von Homosexuellen nicht weniger interessieren könnten, allen voran im dem Land, in dem sie leben.
Gleiches beobachtet man, wenn von der “unterdrückten Muslima” (weil kopftuchtragend), die Tanja erwähnt, die Rede ist: diesen Leuten ist es sonst auch scheißegal, in welcher Form Frauen* in dieser Gesellschaft Unrecht widerfährt, aber wenn ihre angebliche Sorge um die muslimische Frau™ als Sprungbrett für rassistische Höhenflüge genutzt werden kann, steigt man gerne mal auf.

Und kommt mir nicht mit den Nazis. Ich habe bereits darüber geschrieben, wie der Hinweis auf eine rassistische Tat als Beleidigung aufgefasst wird, statt als Tatsachenbehauptung, die er ist.

Um es zusammenzufassen: es gibt uns und es gibt “die Nazis”. “Die Nazis” sind eindeutig definiert: im Zweifelsfall immer die anderen. “Die Nazis” sind rassistisch und die einzigen, die rassistische Gewalt ausüben … außer dass wir das in unseren Zeitungen nie so nennen. Bestenfalls noch “ausländerfeindlich”. Aber ich schweife ab und rege mich nur auf.
Jedenfalls gehört “den Nazis” quasi Rassismus. Das bedeutet, wenn ich etwas rassistisch nenne, nenne ich die Person einen Nazi. Die ist aber kein Nazi, weil siehe oben und voilà: kein Rassismus vorhanden! q.e.d. Himmelherrgottnochmal.
Wenn dir jemand sagt “Das war rassistisch” geht es nicht um dich. Dann ist es nicht an der Zeit zu erklären, wie du das eigentlich gemeint hast. Es nicht Zeit mit dem Finger auf die “richtigen Rassist*innen” zu zeigen oder zu erklären, warum deine dunklen Haare, deine asiatische Freundin* oder deine Vorliebe für indisches Essen dich zur*m Guten Weißen™ machen, di:er Rassismus nicht ausüben kann.
Ganz ruhig, niemand hat gesagt “Du bist scheiße.”, sondern dir wurde die einmalige Möglichkeit geliefert zu lernen, was du tun kannst, um dich weniger ignorant zu verhalten. Wenn du drei mal durchatmest, dir Zeit nimmst und dann versuchst zu verstehen, wird dir das keine*r übel nehmen. Wenn du anerkennst, dass das, was du getan hast, relativ uncool war und dich entschuldigst, wird niemand herausplatzen: “Aha! Also doch ein*e Rassist*in!” (Oder vielleicht doch, aber das ist doch völlig egal. Wenn wir ehrlich sind, wir in dieser Gesellschaft niemand dafür verurteilt, rassistisch zu sein. Nichts könnte die Mehrheit weniger interessieren.)

Also lasst einfach “die Nazis” und “die Rassist*innen” stecken, wenn das immer nur die anderen sein sollen.

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Die feindliche Außenwelt (Teil 1)

Vielleicht gleich zu Beginn: Ich bin nicht so recht überzeugt, von der Idee der „feindlichen Außenwelt“. Dieses Konstrukt, dass ein Äußeres – wahlweise im Mainstream, Kapital, Bürgertum etc. – und ein Inneres – z.B. im Sub, in politischen Strukturen – definiert, erscheint dadurch seine politische Berechtigung zu haben, dass es aufgebrochen wird. So kann ich beispielsweise heute als Lesbe verhältnismäßig offen leben, da andere vor mir den Schutz des Subs verlassen haben. Gerade in der Schutz-Funktion liegt die persönliche Berechtigung der Teilung. Welche wiederum natürlich politisch ist, doch das tatsächliche Ziel ist halt die „nicht mehr Notwendigkeit“ des Schutz-Gebiets. Gerade diese Differenzierung macht das Sprechen darüber schwierig: Die persönlichen Bedürfnisse und die politischen Ziele wiedersprechen sich, doch liegt gerade darin der politische Sinn: Eben weil gerade dieser Widerspruch zwischen der Wesentlichkeit des Schutzes des Inneren und der Notwendigkeit von dessen Aufbruch das Überhaupt der Politik offenlegt.

Das Überhaupt der Politik liegt für mich in der Problemlösung von zwischenmenschlichen Schwierigkeiten. Egal ob es um Krieg, Gesetzgebung, Naturschutz, Ethik oder „Stimmungswandel“ geht, immer sind es Probleme zwischen und in Menschen, die das Thema auf’s Trapez bringen. Politik ist nichts weiter als eine riesen große Selbsthilfegruppe. Das größte Problem dieser Selbsthilfegruppe ist jedoch, dass wir deren Selbsthilfegruppehaftigkeit nicht sehen (wollen). Stattdessen reden wir lieber über andere, als über uns selbst oder eben diese „Anderen“ reden zu lassen. Das macht unsere Selbsthilfegruppe zu einer schlechten. Indem wir glauben Politik wäre ein „neutrales“ Gebiet, schaffen wir es nicht nur, die vorgefundene Probleme nicht im einvernehmlichen Miteinander anzugehen, sondern wir grenzen auch noch bewusst diese aus, indem wir die Politik für Betroffene der einzelnen Themenfelder, unbetretbar machen, z.B. durch fehlende Triggerwarnungen (Seitenhieb).

Doch mit dem Auflösungswunsch der Fehlinterpretation der Politik als neutral, stoßen wir auf das eingangs genannt Problem: Die Neutralitäts-Doktrin verlangt nach einem Schutz des Inneren gegen die Politik als Äußeres, denn ohne „Neutralität“ lässt sich im als politisch verstandenen Milieu kein Blumentopf gewinnen (RW) und so bleibt die Betroffenheitsperspektive allzu häufig im Schutzgebiet – um ihr trotzdem Gehör zu verschaffen, betreiben wir häufig Stellvertreter_innenpolitik. Die hart erarbeiteten Strategien der Betroffenen werden so „neutral“ wie möglich in die feindliche Außenwelt getragen. Damit dies weitestgehend möglich ist, ist es gerade zu notwendig, dass das Innere sich geeint gibt und die Konflikte des inneren Kreises nicht in die feindliche Außenwelt trägt. Doch ist nicht das Ziel, dass die Außenwelt nicht mehr feindlich ist? Wie lässt sich dieser Wiederspruch auflösen? Wird es den Moment geben, an die Außenwelt wohlgesonnener wirkt? Oder ist es vielmehr ein Raum nehmen, der die Außenwelt verändert?

(Dazu kommt vorraussichtlich irgendwann ein Fortsetzung, aber zunächst hoffe ich auf eine tolle Diskussion.)

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Innerdeutsche Leitkultur

Bei jeder Veranstaltung, in welcher der Begriff „Leitkultur“ fällt, frage ich nach, ob eigentlich endlich etwas gegen die kulturellen Unterschiede der Regionen in Deutschland unternommen wird. Die Antwort ist immer ein „Nein“…wenn ich überhaupt eine Antwort bekomme, denn die Meisten halten meine Frage für einen Witz. Das ist es jedoch nur bedingt, denn hätte ich nicht Kulturanthropologie studiert, würde ich z.B. immer noch davon ausgehen, dass mich alle Kinder hassen.

Einen Großteil meiner Kindheit habe ich in Korschenbroich verbracht. Dort gibt es einen Brauch, der St. Martin genannt wird. An St. Martin gibt’s immer einen Laternenumzug der Kinder, hin zu einem großen Feuer, an welchen die Geschichte von St. Martin nachgespielt wird. Dann ziehen die Kinder in Gruppen los, klingeln an Türen, singen St. Martins-Lieder und bekommen dafür Süßigkeiten oder von verschusselten Menschen, die keine Süßigkeiten eingekauft haben, Geld. Es ist ein sogenannter Heischebrauch. Seit dem ich von Korschenbroich nach Speyer und später nach Mainz gezogen bin, klingeln bei mir an St. Martin keine Kinder mehr. SIE HASSEN MICH! Vielleicht jedoch lassen sie sich nur von meinem englischen Nachnamen abschrecken. Dafür versuchen sie es jedoch teilweise an Halloween. Ha! Verarschen kann ich mich alleine! Halloween ist kein deutscher Brauch! Die wollen nur zweimal abräumen! Sollen sie doch an St. Martin kommen!
Erst in einem Uni-Seminar habe ich gelernt, dass St. Martin nur in wenigen Regionen ein Heischebrauch ist. Hier kommen die Kinder an Halloween, weil’s diese Form von St. Martin nicht in Mainz gibt. DIE ARMEN KINDER! Ich habe St. Martin immer geliebt.

Ähnlich ist es mir mit dem „Aus-Nön“ gegangen, wie es eine Professorin so charmant nannte. Sie erzählte, dass sie im Süden Deutschlands bei privaten Essenseinladungen immer verhungert ist, bis sie verstanden hat, warum. Jedes Mal, wenn ihr ein Nachschlag angeboten wurde, antworte sie „Nein danke. Die erste Portion war wirklich reichlich.“ und dann: Nichts. Kein weiteres Angebot seitens der Gastgeber_innen. Mit dieser Geschichte ging mir endlich ein Licht auf. Meine Familie mütterlicherseits kommt aus Meppen (Emsland). Wenn mir seitens meiner Familie etwas angeboten wurde – sei es ein Nachschlag oder ein Taschengeldzuschuss – beginnt der Prozess des „Aus-Nöns“. Mindestens drei Mal lehnte ich überschwänglich ab, bis ich dann doch annahm. Ich war die Höflichkeit in Person! Doch je mehr mein Umfeld nicht meine Familie war, desto weniger nöte ich aus. Irgendwie erschien das Aus-Nön falsch. Gleichzeitig kam ich mir unhöflich vor, doch eigentlich nur im Kontext meiner Familie. Anderswo scheint mein Verhalten „richtig“. Dank des Seminars der Professorin verstand ich endlich, dass mein Eindruck stimmte. Anderswo war es richtig.

Ein paar Sachen habe ich nicht in meinem Studium gelernt, sondern selbst erschlossen. Zum Beispiel, dass das i in Korschenbroich nicht mitgesprochen wird, wenn eine_r nicht als „Touri“ gelten möchte. Oder dass ich in der Pfalz mit meiner Version von Pfälzisch in manchen Kontexten weiter komme als mit „Hochdeutsch“. Oder dass die richtige Antwort auf „Auf welcher Seite vom Rhein leben Sie?“ immer „Auf der besseren Seite“ ist.

Bis heute habe ich aber z.B. nicht herausgefunden, wann und wo ich Geld zu Beileidskarten beilege. Bin ziemlich sicher, dass es ein katholischer Brauch ist. Doch in welcher Region? Als ich mir das letzte Mal diese Frage stellte, hab ich am Ende schlicht auf die Karte verzichtet.

Ich finde es reichlich übertreiben, dass ich für die interkulturelle Kommunikation innerhalb Deutschlands ein Hochschulstudium brauche. Wenn’s denn wirklich so komplex ist, dass dafür eine mehrjährige intensive Beschäftigung von Nöten ist, bin ich komplett für eine innerdeutsche Leitkultur. Die Feiertage haben wir ja vor einiger Zeit auch vereinheitlicht, warum dann nicht auch die Gepflogenheiten?

Mit kiturak habe ich jedoch einen anderen Umgang mit solchen Unterschieden gefunden: Drüber reden ;-) . Meine persönliche Lieblingseinigung ist etwas, dass ich „Höflichkeitsbattle“ nenne: Während ich es unhöflich finde, eine_r die Partizipation an Essen zu verweigern und daher von mir aus auf „Darf ich…“ immer mit „Ja“ reagieren würde und deshalb auch selbst niemals fragen würde (sondern drauf starre, bis mir was angeboten wird), kiturak dass jedoch genau andersrum sieht, haben wir uns drauf geeinigt, es einfach so zu machen: Ich sage „Nein“ und kiturak achtet drauf, wenn ich auf etwas drauf starre.

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Die Straße gehört den anderen

Schlagwörter: street harassment – sexuelle Belästigung – Sexismus – unsere Gesellschaft

Street harassment is a form of sexual terrorism because women never know when it might happen, by whom, and how far it may escalate. Because of street harassment, from a young age women learn that public spaces are male territory. In the Stop Street Harassment survey, almost one in four women said the harassment started by age 12 and around 90 percent by age 19. Because of street harassment, women learn – and are told from a young age – to limit the places they go, they try not to be in public alone (especially at night), and when they are alone, they stay on guard.

Aus dem Stop Street Harassment-Fact sheet von Holly Kearl, zum Download auf Hollaback Berlin

Nachpfeifen, anhupen, angaffen, sexualisierte Kommentare oder Gesten, Fotos machen ohne zu fragen, angrabschen, in Nahverkehrsmitteln gegen eine Frau* pressen, ihr folgen oder sie ohne ihre eindeutige Zustimmung ansprechen und in ein Gespräch verwickeln, die eigenen Genitalien zeigen, anfassen oder masturbieren, an einer gut einsehbaren Stelle urinieren bis hin zu sexuellen Übergriffen sind street harassment.

Street harassment ist ein Zeichen einer Gesellschaft, die den Erfahrungen und der Autonomie von Frauen* weniger Wert beimisst. Die es in Kauf nimmt, dass Mütter, Schwestern, Freundinnen, Töchter und Großmütter ihr Leben in unsichtbaren Schranken planen und leben, sich im öffentlichen Raum nicht unbeschränkt und in Sicherheit bewegen können und ihnen darüberhinaus die Schuld zuweist, wenn sie belästigt wurden.

Auch die “harmloseren” Formen von street harassment sind Gewalt. Sie führen, in der Manier des stetigen Tropfens, zu einem Gefühl der Unsicherheit und der ständigen Vorsicht. Sie bringen Frauen* dazu, ihre Kleiderwahl, ihr Auftreten, ihre Schul-, Arbeits- und Freizeitwege zu überdenken, zeitlich einzuschränken, wann sie auf die Straße gehen oder mit wem. Sie krempeln das Leben in einer schleichenden, schwer im Blick zu behaltenden Art um, die spätestens im Alter von 25 zu einer zweiten Haut geworden ist.

Aber auch dafür gibt es keine Belohnung. Es ist egal, ob und welche Vorsichtsmaßnahmen eine Frau* trifft, sie wird weder dadurch belohnt, in Ruhe ihr Leben führen zu können, noch werden die Einschränkungen öffentlich anerkannt, die sie sich auferlegt.

Immerhin verhindert die zweite Haut, dass man jeden Tag darüber nachdenkt, in welcher Form man sich einschränkt. Es tritt vielleicht an die Oberfläche, wenn man von einem neuerlichen Fall krasser Belästigung hört oder selbst davon betroffen ist. Sonst aber wird man von Gedanken darüber verschont, wenn man nicht gerade in einem Workshop sitzt, der Männer* und Frauen* fragt, was sie dagegen unternehmen, Opfer von Gewalt auf der Straße zu werden. Die einen sitzen verständnislos da und denken über die Frage nach, während die anderen schon krampfhaft schreiben.

Es ist nicht in Ordnung und darf nicht normal sein, dass Frauen* diese Zustände erdulden müssen. Ich will etwas dagegen tun, irgendwas.

Abschließend eine Runde Bullshit-Bingo:

Ich als Mann würde mich freuen, wenn Menschen meines/meiner bevorzugten Geschlechts/Geschlechter mir hinterherpfeifen würden. Ich/meine Freundin* finde/t das voll in Ordnung. Was erwartet sie* auch mit den Klamotten/um die Uhrzeit…
Mir ist so etwas noch nie passiert. Männer werden wesentlich häufiger Opfer von Gewalt auf der Straße.¹ Ich als Mann habe so etwas noch nie miterlebt.
In anderen Ländern ist das viel schlimmer. Das ist doch ‘ne Kleinigkeit. Das war als Kompliment gemeint!
Die Migranten sind es, die die Probleme machen. Jetzt darf man Frauen* nicht mal mehr ansprechen. Ich guck doch nur.

1 Hint: das ist Derailing

Das erste Mal wurde ich vor fremden Männern* mit 8 gewarnt.

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