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Innerdeutsche Leitkultur

Bei jeder Veranstaltung, in welcher der Begriff „Leitkultur“ fällt, frage ich nach, ob eigentlich endlich etwas gegen die kulturellen Unterschiede der Regionen in Deutschland unternommen wird. Die Antwort ist immer ein „Nein“…wenn ich überhaupt eine Antwort bekomme, denn die Meisten halten meine Frage für einen Witz. Das ist es jedoch nur bedingt, denn hätte ich nicht Kulturanthropologie studiert, würde ich z.B. immer noch davon ausgehen, dass mich alle Kinder hassen.

Einen Großteil meiner Kindheit habe ich in Korschenbroich verbracht. Dort gibt es einen Brauch, der St. Martin genannt wird. An St. Martin gibt’s immer einen Laternenumzug der Kinder, hin zu einem großen Feuer, an welchen die Geschichte von St. Martin nachgespielt wird. Dann ziehen die Kinder in Gruppen los, klingeln an Türen, singen St. Martins-Lieder und bekommen dafür Süßigkeiten oder von verschusselten Menschen, die keine Süßigkeiten eingekauft haben, Geld. Es ist ein sogenannter Heischebrauch. Seit dem ich von Korschenbroich nach Speyer und später nach Mainz gezogen bin, klingeln bei mir an St. Martin keine Kinder mehr. SIE HASSEN MICH! Vielleicht jedoch lassen sie sich nur von meinem englischen Nachnamen abschrecken. Dafür versuchen sie es jedoch teilweise an Halloween. Ha! Verarschen kann ich mich alleine! Halloween ist kein deutscher Brauch! Die wollen nur zweimal abräumen! Sollen sie doch an St. Martin kommen!
Erst in einem Uni-Seminar habe ich gelernt, dass St. Martin nur in wenigen Regionen ein Heischebrauch ist. Hier kommen die Kinder an Halloween, weil’s diese Form von St. Martin nicht in Mainz gibt. DIE ARMEN KINDER! Ich habe St. Martin immer geliebt.

Ähnlich ist es mir mit dem „Aus-Nön“ gegangen, wie es eine Professorin so charmant nannte. Sie erzählte, dass sie im Süden Deutschlands bei privaten Essenseinladungen immer verhungert ist, bis sie verstanden hat, warum. Jedes Mal, wenn ihr ein Nachschlag angeboten wurde, antworte sie „Nein danke. Die erste Portion war wirklich reichlich.“ und dann: Nichts. Kein weiteres Angebot seitens der Gastgeber_innen. Mit dieser Geschichte ging mir endlich ein Licht auf. Meine Familie mütterlicherseits kommt aus Meppen (Emsland). Wenn mir seitens meiner Familie etwas angeboten wurde – sei es ein Nachschlag oder ein Taschengeldzuschuss – beginnt der Prozess des „Aus-Nöns“. Mindestens drei Mal lehnte ich überschwänglich ab, bis ich dann doch annahm. Ich war die Höflichkeit in Person! Doch je mehr mein Umfeld nicht meine Familie war, desto weniger nöte ich aus. Irgendwie erschien das Aus-Nön falsch. Gleichzeitig kam ich mir unhöflich vor, doch eigentlich nur im Kontext meiner Familie. Anderswo scheint mein Verhalten „richtig“. Dank des Seminars der Professorin verstand ich endlich, dass mein Eindruck stimmte. Anderswo war es richtig.

Ein paar Sachen habe ich nicht in meinem Studium gelernt, sondern selbst erschlossen. Zum Beispiel, dass das i in Korschenbroich nicht mitgesprochen wird, wenn eine_r nicht als „Touri“ gelten möchte. Oder dass ich in der Pfalz mit meiner Version von Pfälzisch in manchen Kontexten weiter komme als mit „Hochdeutsch“. Oder dass die richtige Antwort auf „Auf welcher Seite vom Rhein leben Sie?“ immer „Auf der besseren Seite“ ist.

Bis heute habe ich aber z.B. nicht herausgefunden, wann und wo ich Geld zu Beileidskarten beilege. Bin ziemlich sicher, dass es ein katholischer Brauch ist. Doch in welcher Region? Als ich mir das letzte Mal diese Frage stellte, hab ich am Ende schlicht auf die Karte verzichtet.

Ich finde es reichlich übertreiben, dass ich für die interkulturelle Kommunikation innerhalb Deutschlands ein Hochschulstudium brauche. Wenn’s denn wirklich so komplex ist, dass dafür eine mehrjährige intensive Beschäftigung von Nöten ist, bin ich komplett für eine innerdeutsche Leitkultur. Die Feiertage haben wir ja vor einiger Zeit auch vereinheitlicht, warum dann nicht auch die Gepflogenheiten?

Mit kiturak habe ich jedoch einen anderen Umgang mit solchen Unterschieden gefunden: Drüber reden ;-) . Meine persönliche Lieblingseinigung ist etwas, dass ich „Höflichkeitsbattle“ nenne: Während ich es unhöflich finde, eine_r die Partizipation an Essen zu verweigern und daher von mir aus auf „Darf ich…“ immer mit „Ja“ reagieren würde und deshalb auch selbst niemals fragen würde (sondern drauf starre, bis mir was angeboten wird), kiturak dass jedoch genau andersrum sieht, haben wir uns drauf geeinigt, es einfach so zu machen: Ich sage „Nein“ und kiturak achtet drauf, wenn ich auf etwas drauf starre.

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Ich sehe aus wie Merkel

Lang hab ich überlegt, was ich in meinem ersten Post schreiben möchte. Vor allem der Vorstellungsteil bereitete mir Kopfzerbrechen. Was möchte ich gerne in welcher Form über mich schreiben? Eigentlich nichts, ich binde Kram lieber an passender Stelle ein. Ich werde Details zu meiner Person einfach in den Artikeln verstecken.

Ich sehe aus wie Angela Merkel. Diese Ähnlichkeit war mir bis gestern noch gar nicht so aufgefallen. Doch seit knapp einer Woche bekomme ich öfter gesagt, dass alle möglichen Menschen aussehen wie Philipp Rösler: Zuerst ein Tanzlehrer und dann, gleich von verschiedenen Seiten, der Priester der Hochzeit, auf der ich gestern war. Am Outfit hat’s wohl nicht gelegen, die Katholischen sind schon sehr speziell mit der Wahl ihrer Klamotten. Aber was kokettier ich hier rum, natürlich geht’s um die Hautfarbe. Mit Merkel hab ich übrigens mehr Gemeinsamkeiten als Rösler mit dem Priester (hier versteckter Vorstellungsteil ;-) ): Wir sind beide weiß, Cis-Frauen, mögen Social Media (hab ich mal irgendwo gehört), Frisuren sind so eine Sache. Merkel könnte meine Schwester sein.

Aufgrund meiner Ähnlichkeit mit Merkel durfte ich auf der Hochzeit erstmals erleben, dass ich mich fragte, ob ich es schaffen könnte, mich über mehrere Köpfe einer Menschenmenge hinweg auf eine ältere Frau zu werfen und dann mit dieser gemeinsam die Kirchentreppe runter zu purzeln. Wäre jedenfalls ein schöneres Event für die Hochzeitsanekdoten als die tatsächlich erfolgte Zurschaustellung von white privilege. Besagte ältere Frau bewegte sich im Pulk der nicht unerheblichen großen Anzahl von Hochzeitsgästen aus der Kirche heraus. Der Priester steht am Ausgang und verabschiedet sich bei möglichst Vielen persönlich. Es geht somit nur langsam voran. Ich stehe gerade auf der anderen Seite des Pulks, da höre ich die magischen Worte „Wo kommen Sie denn her?“. Der Priester gibt ihr eine lange Antwort – es dauert bekanntlich eine Weile, die Familienzusammenhänge bis zu den Großtanten 7. Grades (Übertreibung) zu erläutern. (Vietnam ist übrigens meines Wissens nicht gefallen – nur falls wirklich ein_e Leser_in annimmt, die Ähnlichkeitsannahme läge an der Abstammung.) Abgesehen von der rassistischen Frage, hat das den Ablauf erheblich verzögert…

Doch wenn ich auch den Hechtsprung über die Menge nicht gemacht habe, wie hätte ich mit der Situation vernünftig umgehen sollen? Jede Form der Einflussnahme hätte die Autorität des Schäfchen-hütenden Priesters untergraben, oder? Ideen, Vorschläge? Vielleicht gibt’s ja Gläubige unter Euch, die was darüber wissen, wie die Gemeinde Priester_innen vor Rassismus seitens der Besucher_innen schützen kann?

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